9 Uhr 48, vor dem Eingangstor der Makuhari Messe
Ich komme gleich zum Punkt: Um auf den Wonder-Festival-Dealer-Ständen das gewünschte Garage-Kit zu ergattern, muss man den Katalog vorab studieren, die Route planen, unmittelbar nach Öffnung zum Zielstand eilen und die Begutachtung vor Ort in zehn Sekunden abschließen. Tagesausgabe-Garage-Kits werden nicht nachproduziert. Verpasst man sie an diesem Tag, an diesem Ort, ist es vorbei. Als ich im Sommer 2010 beim Wonder Festival zum ersten Mal den regulären Teilnehmerausweis um den Hals trug, wusste ich das nicht.
Eine halbe Stunde nach Öffnung ging ich durch die Halle. Die Vitrine des angepeilten Standes war bereits leer. Nur ein Schild mit der Aufschrift „Ausverkauft" blieb zurück. Dann sah ich, wie jemand am Nachbarstand ein Bündel Geldscheine zückte und drei Garage-Kits auf einmal kaufte. An diesem Tag lernte ich, dass die Wonder-Festival-Dealer-Stände nicht auf zögernde Menschen warten.
Das Wonder Festival findet jedes Jahr im Sommer und Winter in der Makuhari Messe in der Präfektur Chiba, Japan, statt. An den Unternehmensständen stellen große Hersteller Dekomaster neuer Produkte aus, an den Dealer-Ständen verkaufen individuelle Modelleure Garage-Kits, die mit Tagesausgabe-Lizenzen gefertigt wurden. Man lässt sich leicht von der Pracht der Unternehmensstände blenden, doch das Wesen des Wonder Festivals liegt in den Dealer-Ständen. Die Formgebung, die man nur dort antrifft, die Kits, die man nur an diesem Tag kaufen kann, die direkten Gespräche mit den Modelleuren – das macht das Wonder Festival zum heiligen Ort.
Das Tagesausgabe-Lizenzsystem: Warum gibt es keine Nachproduktion?
Garage-Kits sind unlackierte Bausätze aus Resinmaterial. Der Käufer muss die Teile selbst nachbearbeiten, verkleben und lackieren, um sie fertigzustellen. Die meisten auf den Wonder-Festival-Dealer-Ständen verkauften Garage-Kits werden mit „Tagesausgabe-Lizenzen" produziert. Diese Lizenzen gelten, wie der Name sagt, nur am Tag der Veranstaltung. Nach Ende der Veranstaltung erlöschen auch die Rechte, diesen Charakter herzustellen und zu verkaufen.
Dieses System, bei dem Rechteinhaber die Produktion nur für einen Tag gestatten, ist eine Tradition, die seit dem ersten Wonder Festival 1984 besteht. Dadurch können Nischen-Charaktere, die sich kommerziell schwer umsetzen lassen, bestimmte Illustrationskostüme und Formgebungen mit der persönlichen Interpretation des Modelleurs in die Welt treten. Im Gegenzug gibt es keine Nachproduktion. Um dasselbe Werk erneut herzustellen, muss man beim nächsten Wonder Festival eine neue Lizenz beantragen, und es gibt keine Garantie, dass der Rechteinhaber erneut zustimmt.
Ich erinnere mich an die Szene an einem Stand beim Winter Wonder Festival 2015. Gegen 11 Uhr morgens hängte der Dealer ein handgeschriebenes Schild auf: „Alle heute vorbereiteten Kits ausverkauft". Auf dem Tisch blieb nur eine leere Kiste zurück. Ein Besucher, der vorbeiging, murmelte: „Wie erwartet darf man bei diesem Stand nicht zu spät kommen". Neue Werke beliebter Modelleure sind innerhalb einer Stunde nach Öffnung weg. Es gibt auch keine Garantie, dass beim nächsten Wonder Festival ein ähnliches Werk erscheint. Das Tagesausgabe-System schafft gleichzeitig Knappheit und Einmaligkeit.
Den Katalog lesen: Der Beginn der Informationsschlacht im Vorfeld
Sobald die Wonder-Festival-Teilnahme feststeht, ist die erste Aufgabe, sich den offiziellen Katalog zu besorgen. Dieses zwei bis drei Wochen vor der Veranstaltung erscheinende Heft enthält die Standorte der teilnehmenden Dealer-Stände und Fotos der zur Ausstellung vorgesehenen Kits. Man kann es in großen japanischen Hobbygeschäften oder Convenience Stores kaufen, es gibt auch eine digitale Version. Das Wonder Festival ohne Katalog zu besuchen ist wie ein Labyrinth ohne Karte zu betreten.
Schlägt man den Katalog auf, erscheinen neben den Standnummern die Ausstellungsstücke jedes Dealers. Die meisten Fotos zeigen lackierte Fertigmodelle. Man darf nicht vergessen, dass tatsächlich unlackierte Resin-Kits verkauft werden. Das vom Modelleur selbst lackierte Muster ist das Ergebnis aus Profi-Händen. Um diese Qualität zu erreichen, benötigt auch der Käufer dasselbe Lackier-Niveau.
Ich lese den Katalog dreimal. Beim ersten Mal überfliege ich ihn und markiere Werke, die mir gefallen. Beim zweiten Mal überprüfe ich die Standorte und plane die Route. Beim dritten Mal lege ich Prioritäten fest. Ich teile in Kits, die ich unbedingt kaufen muss, Kits, die ich kaufe, wenn das Budget reicht, und Kits, über die ich nach Begutachtung vor Ort entscheide. Die ersten 30 Minuten nach Öffnung entscheiden. In dieser Zeit muss ich alle Prioritätsstände abklappern, um die gewünschten Garage-Kits zu sichern.
Die ersten 30 Minuten nach Öffnung: Das Gesetz der Dealer-Stand-Golden-Time
Das Wonder Festival öffnet normalerweise um 10 Uhr morgens. Wenn die Eingangstore für reguläre Besucher aufgehen, strömen die Menschen gleichzeitig in die Halle. Rennen ist verboten, aber schnelles Gehen in Richtung der Zielstände ist erlaubt. In diesen 30 Minuten bilden sich Schlangen vor den Dealer-Ständen. Vor Ständen beliebter Modelleure hängen manchmal schon zehn Minuten nach Öffnung „Ausverkauft"-Schilder.
Am Zielstand angekommen, überprüft man schnell die ausgestellten Kits. Man muss innerhalb von zehn Sekunden den Unterschied zwischen Katalogfoto und realem Objekt beurteilen. Ist die Teilaufteilung angemessen? Gibt es Resin-Blasen? Liegt der Preis im Budget? Zögert man, geht die Chance an den Nächsten in der Reihe über. Die Zeit, die man braucht, um zum Dealer „Das hier bitte" zu sagen und das Portemonnaie zu zücken, entscheidet über Kauferfolg oder Misserfolg.
Beim Sommer Wonder Festival 2018 stand ich vor einem Stand. Der Besucher vor mir hielt zwei Kits und überlegte über eine Minute lang. Schließlich legte er eines zurück und begann zu zahlen. In der Zwischenzeit griff ein anderer Besucher daneben nach dem zurückgelegten Kit. Vor Dealer-Ständen bedeutet Zögern Aufgabe. Man kann nur auf das nächste Wonder Festival warten.
Gespräch mit dem Dealer: Der andere Wert, den der Garage-Kit-Kauf bietet
Kauft man am Dealer-Stand ein Kit, kann man direkt mit dem Modelleur sprechen. Das ist ein Moment, den man beim Bestellen von Scale-Figuren auf Versandseiten niemals erleben kann. Man kann vom Modelleur persönlich Geschichten hören wie „Welche Szene des Charakters ich darstellen wollte", „Welche Punkte bei der Teilaufteilung schwierig waren" oder „Worauf man beim Lackieren achten sollte".
Natürlich haben nicht alle Dealer Zeit für lange Gespräche. Wenn die Schlange vor dem Stand lang ist, werden nur kurze Grüße und Transaktionen ausgetauscht. Aber am Nachmittag, an Ständen, an denen der Besucherstrom nachgelassen hat, ergibt sich die Gelegenheit zum Gespräch mit dem Modelleur. Sagt man „Die Darstellung der Falten dieses Kostüms war beeindruckend", erzählt der Modelleur von den Überlegungen bei der Gestaltung dieses Teils.
In der Garage-Kit-Box, die ich beim Winter Wonder Festival 2012 kaufte, lag ein handgeschriebener Zettel des Modelleurs. Es war ein kurzer Ratschlag: „Beim Lackieren der Haarspitzen empfiehlt es sich, einen hellen Farbton für Farbverläufe zu verwenden". Dieser Zettel liegt noch heute in meiner Schreibtischschublade. Man kauft bei Garage-Kits nicht nur die Formgebung. Man kauft auch die Handschrift und Absicht des Modelleurs, die Perspektive, aus der diese Person den Charakter betrachtet hat.
Nach dem Garage-Kit-Kauf: Was vor dem Öffnen der Box zu überprüfen ist
Kauft man am Dealer-Stand ein Kit, wird es meist in einer Plastiktüte oder einfachen Box verpackt. Es ist nicht ratsam, die Box direkt vor Ort zu öffnen. In der vollen Halle besteht die Gefahr, Resin-Teile fallen zu lassen oder zu verlieren, wenn man sie herausholt. Sicherer ist es, in der Unterkunft oder zu Hause an einem ruhigen Ort auszupacken.
Öffnet man die Box, sind die Resin-Teile in Luftpolsterfolie eingewickelt. Man nimmt die Teile einzeln heraus und überprüft sie auf Beschädigungen oder Blasendefekte. Falls schwerwiegende Mängel vorliegen, kann man den Dealer kontaktieren und um Austausch oder Rückerstattung bitten. Allerdings sind die meisten Wonder-Festival-Dealer individuelle Handwerker, und nach der Veranstaltung kann der Kontakt schwierig sein. Daher ist die Begutachtung vor dem Kauf wichtig.
Resin-Kits müssen vor dem Zusammenbau gereinigt werden. Entfernt man das beim Abgussprozess anhaftende Trennmittel nicht, haftet die Farbe nicht richtig. Man legt die Teile in lauwarmes Wasser mit neutralem Reinigungsmittel und reibt sie mit einer weichen Zahnbürste ab. Nach vollständiger Trocknung beginnt man mit Zusammenbau und Lackierung. Überspringt man diesen Prozess, erlebt man später die Tragödie abblätternder Lackierung.
Der Unterschied zwischen Wonder Festival und inländischen Figuren-Events: Das Vorhandensein oder Fehlen der Tagesausgabe-Kultur
Auch in Korea finden Figuren-Ausstellungs- und Verkaufsveranstaltungen statt. Typisch sind verschiedene Character Fairs, die im Seouler COEX oder KINTEX stattfinden. Allerdings findet man bei inländischen Veranstaltungen kaum die Wonder-Festival-typische Tagesausgabe-Garage-Kit-Kultur. Das Lizenzsystem für Urheberrechte ist anders, und die Struktur, bei der individuelle Modelleure Tagesausgabe-Genehmigungen erhalten und Kits herstellen und verkaufen, hat sich nicht etabliert.
Was an inländischen Veranstaltungsständen verkauft wird, sind meist Fertigprodukte oder Merchandise mit offizieller Lizenz. An Ständen individueller Kreativer werden Fan-Art-Merchandise oder Illustrationswerke verkauft, aber Resin-Garage-Kits sieht man kaum. Die Dealer-Stand-Kultur des Wonder Festivals ist ein Ergebnis der Japan-typischen urheberrechtlichen Flexibilität und der langjährigen Doujin-Kultur.
Deshalb träumen koreanische Figurensammler weiterhin von der Teilnahme am Wonder Festival vor Ort. Der Grund, Flugticket und Unterkunft zu bezahlen und bis zur Makuhari Messe zu reisen, sind die Tagesausgabe-Garage-Kits und die Begegnungen mit Modelleuren, die man nur dort erleben kann. Auch im Zeitalter entwickelten Online-Versandhandels verschwindet der Wert des Wonder-Festival-Besuchs nicht. Vielmehr glänzt diese Knappheit umso mehr.
Was die Dealer-Stände gelehrt haben: Figuren sind nicht nur Fertigprodukte
Die größte Lehre, die ich in 15 Jahren als regulärer Wonder-Festival-Besucher gezogen habe, ist diese: Figuren sind nicht nur Fertigprodukte. Scale-Figuren von Good Smile Company oder Alter sind zweifellos hervorragend. Es ist eine beachtliche Technik, auch bei tausendfacher Fabrikproduktion ein gewisses Qualitätsniveau zu halten. Aber das ist nicht die Gesamtheit der Figurenkultur.
Die Garage-Kits, denen man an Wonder-Festival-Dealer-Ständen begegnet, sind anders. Sie sind Abgüsse von Urmodellen, die ein einzelner Modelleur von Hand geformt hat. Die Produktionsmenge beträgt höchstens einige Dutzend. Die an diesem Tag, an diesem Ort verkauften Kits sind alles. Der Käufer muss sie selbst zusammenbauen und lackieren. Bis zur Fertigstellung können Dutzende Stunden vergehen. Man kann scheitern.
Aber in diesem Prozess erhält man nicht nur das Gefühl, Figuren zu konsumieren, sondern sie gemeinsam zu erschaffen. Der Moment, wenn man der vom Modelleur geformten Gestalt die selbst gewählte Farbe verleiht und das in den eigenen Händen vollendete Werk in der Glasvitrine steht. Das hat eine andere Bedeutung als ein Fertigprodukt, das man mit ein paar Klicks auf einer Versandseite gekauft hat. Wonder-Festival-Dealer-Stände sind ein Ort, der die Wurzeln der Figurenkultur zeigt.
FAQ
Können auch normale Menschen zum Wonder Festival?
Ja, das ist möglich. Zum Wonder Festival kann jeder, der ein reguläres Teilnehmerticket kauft. Tickets werden normalerweise ein bis zwei Monate vor der Veranstaltung online verkauft, auch Kauf vor Ort am Tag selbst ist möglich. Für den Kauf von Garage-Kits an Dealer-Ständen sind keine besonderen Qualifikationen erforderlich, aber beliebte Kits sind unmittelbar nach Öffnung schnell ausverkauft, daher sind vorherige Katalogprüfung und Routenplanung unerlässlich.
Können auch Anfänger Garage-Kits lackieren?
Möglich, aber Übung ist nötig. Resin-Kits müssen durch mehrere Arbeitsschritte wie Teilreinigung, Verklebung, Oberflächenbearbeitung, Grundierungsauftrag, Lackierung und Finish vollendet werden. Wer keine Erfahrung mit Airbrush- oder Pinsel-Lackierung hat, dem empfehle ich, zunächst mit günstigen Plastikmodellen die Grundlagen zu erlernen. Beim Wonder Festival werden statt lackierter Fertigprodukte unlackierte Kits verkauft, daher sollte man vor dem Kauf ehrlich die eigenen Lackierfähigkeiten einschätzen.
Darf man auf dem Wonder Festival gekaufte Garage-Kits weiterverkaufen?
Mit Tagesausgabe-Lizenz produzierte Kits werden zum Zweck der persönlichen Sammlung verkauft. Wenn der Käufer sie im ungebauten Zustand weiterverkauft oder nachbildet, kann dies eine Urheber- und Lizenzverletzung darstellen. Der Verkauf von Sammlerstücken nach Zusammenbau und Lackierung als Gebrauchtwaren ist im Allgemeinen unproblematisch, aber kommerzieller Weiterverkauf oder Nachbildung sind klare Verstöße gegen die Rechte des Modelleurs und des Rechteinhabers. Der Markt für unlizenzierte Resin-Nachbildungen schadet den Rechten der Kreativen.
Gibt es außerhalb des Wonder Festivals keine Möglichkeit, in Korea Garage-Kits zu bekommen?
Auf japanischen Versandseiten oder in Gebrauchtwarengeschäften werden gelegentlich frühere Wonder-Festival-Ausstellungsstücke gehandelt, aber aufgrund des Tagesausgabe-Charakters ist die Menge extrem gering und der Preis mit Premium-Aufschlag. Auch in Gebrauchtwarenforen inländischer Figurencommunities tauchen sie manchmal auf, aber bei seltenen Kits ist die Konkurrenz hart. Die sicherste Methode ist die Teilnahme am Wonder Festival vor Ort. Selbst unter Berücksichtigung von Flugticket und Unterkunft hat die Erfahrung, gewünschte Kits persönlich auszuwählen und mit Modelleuren zu sprechen, an sich einen Wert.
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Nach der Rückkehr vom ersten Wonder Festival im Sommer 2010 mit leeren Händen bereitete ich mich auf das Winter Wonder Festival des folgenden Jahres vor. Ich las den Katalog dreimal. Ich plante die Route. Unmittelbar nach Öffnung eilte ich zum Zielstand. Das Garage-Kit, das ich an diesem Tag ergattern konnte, steht noch heute in meiner Glasvitrine. Obwohl mit unbeholfener Technik lackiert, hänge ich daran mehr als an jeder Scale-Figur. Auf Tagesausgabe-Garage-Kits kann man nicht auf Nachproduktion warten. Man muss sich an diesem Tag, an diesem Ort entscheiden. Mögen auch heute gute Begegnungen Ihre Glasvitrine erreichen.