Der Tag, an dem die Tasche zur Vitrine wurde
Im Sommer 2018 sah ich zum ersten Mal vor dem Bahnhof Ikebukuro in Tokyo eine Reihe von Frauen in ihren Zwanzigern, die transparente PVC-Taschen trugen. Die gesamte Vorderseite der Taschen bestand aus einem Acrylglasfenster, und darin waren dicht gedrängt Buttons desselben Charakters befestigt. Manche Taschen schienen über 50 Stück zu enthalten. Ihr Ziel an diesem Tag war das Animate im Untergeschoss des Sunshine City, und erst dann suchte ich nach dem Begriff „Itabag (痛バッグ)". Um es vorwegzunehmen: Eine Itabag ist nicht einfach eine Tasche, sondern das effizienteste Werkzeug zur Identitätsbekundung, das die Oshikatsu-Kultur (推し活) hervorgebracht hat. Während Figurensammler ihren Geschmack durch Skulpturen hinter Glas beweisen, verkünden Oshikatsu-Praktizierende ihren Oshi (最推し, Favoriten) mit ihrer Tasche auf der Straße.
Oshikatsu ist ein Begriff, der Mitte der 2010er Jahre im japanischen Idol-Fandom aufkam. Als Kompositum aus „推し (Oshi, Favorit)" und „活動 (Katsudō, Aktivität)" bezeichnet es alle Handlungen der aktiven Unterstützung eines geliebten Charakters oder Idols. Das Spektrum reicht von Konzertbesuchen über Merchandise-Käufe, SNS-Promotion bis hin zur Ausrichtung von Geburtstagscafés, aber die sichtbarste Praktik ist das Sammeln von Merchandise. Und aus der Frage „Wie zeigt man dieses Merchandise?" entstand die Itabag.
Eine Ökonomie, in der Buttons zur Währung werden
Das Kernmaterial einer Itabag sind Buttons. Kleine runde Anstecker mit 57 mm oder 75 mm Durchmesser, auf denen Charakterillustrationen gedruckt sind und die auf der Rückseite eine Sicherheitsnadel haben. In Japan werden sie üblicherweise für 300–500 Yen pro Stück verkauft, meist im Random-Blind-Verfahren. Wenn zehn Varianten als Set erscheinen, muss man mehrere kaufen, um den gewünschten Charakter zu erhalten. Diese Struktur hat eine Tauschwirtschaft geschaffen.
Sucht man auf Twitter nach dem Hashtag „#缶バッジ交換", findet man in Echtzeit hochgeladene Beiträge. Im Format „Biete: Charakter A / Suche: Charakter B" funktioniert es wie Kartenspiel-Trading. Vor Veranstaltungsorten finden sogar spontane Tauschbörsen statt. Der Anblick von Fans derselben Serie, die ihre Taschen ausbreiten und benötigte Buttons tauschen, ist mittlerweile vor dem Comiket oder Animate-Filialen alltäglich. Merchandise wurde zur sozialen Währung, die über reine Konsumgüter hinausgeht.
Doch Buttons allein füllen keine Itabag. In jüngster Zeit sind Acrylständer (Acsta) zur Hauptstütze der Itabag geworden. Dabei handelt es sich um 3–5 mm dickes transparentes Acryl mit aufgedrucktem Charakter und Standfuß, ursprünglich zum Aufstellen auf dem Schreibtisch gedacht, aber tatsächlich landen sie in Taschen. Seit den 2020er Jahren gibt es sogar Produkte, die speziell für Itabags konzipiert sind. Mit Löchern auf der Rückseite für Kettenverbindungen oder als dünne Platten, die in die inneren Gitter der Tasche passen. Die Hersteller lesen die Nachfrage der Oshikatsu-Kultur genau und entwerfen ihre Produkte entsprechend.
Genealogie der Itabag: Von Itasha zur Tasche
Der Ursprung der Itabag liegt im „Itasha (痛車)". Fahrzeuge, deren Karosserie vollflächig mit Anime-Charakter-Folierungen beklebt ist, die Anfang der 2000er Jahre in Japan auftauchten. Als Kompositum aus „痛い (itai, schmerzhaft/peinlich)" und „車 (sha, Auto)" hatte es anfangs eine stark selbstironische Konnotation. Es bedeutete, eine sozial schwer akzeptierbare Zurschaustellung zu wagen. Itasha-Besitzer stellten ihre Autos auf Comiket-Parkplätzen aus, machten Fotos mit Gleichgesinnten und bestätigten ihre Solidarität.
Mitte der 2010er Jahre übertrug jemand dieses Konzept auf Taschen. Man muss kein Auto fahren, aber jeder trägt eine Tasche. Indem man dicht gedrängt Buttons an einer transparenten PVC-Tragetasche befestigte, wurde die visuelle Intensität von Itasha reproduziert. Die Kosten betragen ein Hundertstel einer Fahrzeugfolierung, die Tragbarkeit ist unvergleichlich höher. Dennoch ist die Wirkung der Botschaft „Dies ist mein Oshi" identisch. Itabags verbreiteten sich rasant, und um 2017 entstanden spezialisierte Taschenmarken.
Frühe Itabags hatten einen starken DIY-Geist. Man steckte Buttons in transparente Taschen aus 100-Yen-Shops und legte farbiges Papier oder Spitzenstoff als Hintergrund hinein. Doch nach 2018 änderte sich die Lage, als spezialisierte Itabag-Hersteller auf den Markt kamen. Mit doppelter PVC-Konstruktion gegen Herausfallen der Buttons und inneren Gittertrennwänden zum Aufstellen von Acrylständern. Produkte mit verstellbaren Schultergurten, Innentaschen und wasserdichten Reißverschlüssen werden für 3000–8000 Yen verkauft. Die Itabag hat sich von einem DIY-Produkt der Subkultur zu einer etablierten Produktkategorie entwickelt.
Die Ästhetik des Taschenlayouts
Es gibt implizite Regeln für das Befüllen einer Itabag. Erstens: Einheitlichkeit beim selben Charakter. Mischt man verschiedene Charaktere, gilt der „Oshi als unklar". Zweitens: Auch bei derselben Illustration werden mehrere Exemplare dupliziert platziert. Die Logik: Je mehr Stücke, desto größer die bewiesene Zuneigung. Drittens: Man achtet auf das Layout. Es geht nicht darum, einfach Buttons dicht zu packen, sondern Farbplatzierung und Größenkontraste zu berücksichtigen, um visuelles Gleichgewicht zu schaffen.
Fortgeschrittene Itabag-Gestalter stimmen die Hintergrundfarbe auf die Image-Farbe des Charakters ab. Bei einem blau-haarigen Charakter Navy- oder Himmelblau-Samt, bei rosa Tönen pastellrosa Satin. Zwischen Buttons und Acrylständern werden Bänder oder Spitze eingefügt, um Tiefe zu schaffen. An den Taschenrändern werden LED-Lichtstreifen angebracht, damit sie auch im Dunkeln leuchten. All diese Arbeiten werden auf YouTube oder Twitter unter dem Hashtag „#痛バッグ制作日誌" geteilt und haben sich als eigenes kreatives Genre etabliert.
Doch die physischen Grenzen der Itabag sind klar. Das Gewicht. Mit 50 Buttons und 10 Acrylständern übersteigt man zusammen mit dem Taschengewicht 2 kg. Den ganzen Tag getragen, schmerzen die Schultern. Daher trennt man neuerdings zwischen „Ausstellungs-Itabag" und „Trage-Itabag". Für Fotos bei Events trägt man die große Itabag, beim tatsächlichen Umherbewegen eine kleinere mit nur etwa 10 Buttons. Auch Oshikatsu findet Kompromisse innerhalb realer Beschränkungen.
Psychologie des Merchandise-Sammelns
Warum sammeln Menschen Dutzende Buttons desselben Charakters? Ökonomisch ist es ineffizient. Außer bei limitierten Ausgaben gibt es keinen Wiederverkaufswert. Doch Oshikatsu lässt sich nicht durch wirtschaftliche Rationalität erklären. Es ist ein Identitätsbestätigungsritual.
Ein häufig verwendeter Ausdruck unter Oshikatsu-Praktizierenden lautet: „Geld für den Oshi auszugeben ist wie wählen." Sie glauben, dass jeder Merchandise-Kauf dem Hersteller das Signal sendet: „Macht mehr von diesem Charakter." Tatsächlich werden Merchandise-Verkaufszahlen zu Indikatoren für weitere Produktionen. Charaktere, deren Buttons sich gut verkaufen, haben höhere Chancen, als Maßstabsfiguren produziert zu werden. Konsum bedeutet Unterstützung, und Unterstützung verlangt nach sichtbarer Form. Die Itabag ist der Nachweis dieser Unterstützung gegenüber anderen.
Ein weiterer Aspekt ist das Gemeinschaftsgefühl. Postet man Itabag-Fotos in sozialen Medien, kommentieren Menschen mit demselben Oshi. Gespräche wie „Gleicher Oshi!" oder „Wo haben Sie diesen Button bekommen?" schaffen Verbindungen. Bei Offline-Events spricht man natürlich mit jemandem, der eine Itabag desselben Charakters trägt. Die Tasche ist Visitenkarte und Einladung zugleich.
Schnittmenge von Figurensammlern und Merchandise-Sammlern
Figurensammeln und Oshikatsu-Merchandise-Sammeln haben unterschiedliche Ziele. Bei Figuren ist die Skulptur selbst der Zweck. Man bewertet die Interpretation des Bildhauers, die Präzision der Bemalung, die Perfektion der Pose und verwahrt sie hinter Glas. Merchandise hingegen konzentriert sich auf Quantität und Präsentation. Eine einzelne Illustration wird als Button, Acrylständer, Postkarte, Klarsichthülle usw. reproduziert, und das Sammeln aller Versionen bedeutet Vollständigkeit.
Doch die Schnittmenge existiert zweifellos. Unter Nendoroid-Sammlern gibt es viele, die alle Versionen desselben Charakters sammeln. Der Anblick von über zehn Hatsune-Miku-Nendoroids – Standardversion, limitierte Ausgabe, Event-Bonus – in einer Vitrine ist die dreidimensionale Version einer Itabag. Die Sammellogik ist identisch: „Ich möchte alle Formen meines Oshi besitzen."
Neuerdings berücksichtigen auch Figurenhersteller die Itabag-Kultur. Good Smile Company begann, bei Nendoroid-Veröffentlichungen Button-Sets als Beilage anzubieten. Alter legt Acrylständer als Vorbesteller-Bonus bei Maßstabsfiguren bei. Die Grenzen zwischen Figuren und Merchandise verschwimmen. Die beiden Kulturen konkurrieren nicht, sondern erweitern einander.
Blicke auf die Itabag
Die Itabag bleibt umstritten. Auch in Japan gibt es Kritik als „zu auffällig im öffentlichen Raum". Wer in der Bahn eine Itabag trägt, zieht die Blicke umstehender Fahrgäste auf sich. Die Reaktionen sind nicht nur positiv. Manche empfinden Unbehagen, manche spotten. Die selbstironische Konnotation aus der Frühzeit der Itabag-Kultur ist nicht vollständig verschwunden.
Doch seit den 2020er Jahren hat sich die Atmosphäre gewandelt. K-Pop-Idol-Fandoms übernahmen die Itabag-Kultur enthusiastisch und verliehen ihr Massentauglichkeit. In Seouls Myeongdong oder Hongdae sieht man häufig Itabags mit BTS- oder Seventeen-Fotokarten. Sie hat sich von einem Otaku-Privileg zu einem allgemeinen Fandom-Werkzeug entwickelt. Dabei wurde die Konnotation von „itai (peinlich)" allmählich verdünnt, während der positive Kontext „stolz zeigen, was man mag" stärker wurde.
In Korea wird zwar die Übersetzung „Deokjil-Tasche" verwendet, doch in Communities wird immer noch häufiger der japanische Ausdruck „Itabag" benutzt. Dies liegt daran, dass die Merchandise-Kultur ihren Ursprung in der japanischen Otaku-Szene hatte. Die Beibehaltung der Bezeichnung ist auch eine Anerkennung der kulturellen Genealogie.
Häufig gestellte Fragen
Wie viel kostet es, eine erste Itabag zu erstellen?
Eine einfache transparente Tasche beginnt ab etwa 10.000 Won, Buttons kosten 3.000–5.000 Won pro Stück. Für eine Grundausstattung mit etwa 20 Buttons und 5 Acrylständern fallen rund 100.000 Won an. Mit professionellen Itabag-Herstellerprodukten und LED-Beleuchtung kann man über 200.000 Won ausgeben. Mit DIY-Materialien aus 100-Yen-Shops ist es jedoch auch unter 50.000 Won möglich.
Wo bekommt man Merchandise für Itabags?
Offizielles Merchandise kauft man in spezialisierten Buchhandlungen wie Animate oder Toranoana oder auf Online-Versandseiten. In Korea ist Direktimport über Versandzentren üblich. Event-exklusives Merchandise wird auch beim Comiket oder in Charakter-Geburtstagscafés verteilt. Gebrauchtes Merchandise findet man in japanischen Second-Hand-Läden oder auf Handelsplattformen wie Mercari, aber beliebte Charaktere sind teurer als der Originalpreis.
Ist es nicht belastend, mit einer Itabag herumzulaufen?
Es gibt große individuelle Unterschiede. In Japan ist es beim Comiket oder vor Animate-Filialen selbstverständlich, aber auf normalen Straßen sind sich viele der Blicke bewusst. Neuerdings gibt es auch Kompromisslösungen mit halbtransparenten Hüllen, die normalerweise verdecken und nur bei Bedarf geöffnet werden. Wichtig ist, die eigene Komfortzone zu finden.
Müssen Figurensammler die Itabag-Kultur verstehen?
Nicht zwingend, aber beide Kulturen entstammen derselben Wurzel. Oshikatsu-Merchandise-Trends beeinflussen die Bonus-Zusammenstellungen von Figurenherstellern und werden zu Indikatoren für Charakterpopularität. Außerdem ermöglicht das Verständnis der Itabag-Kultur, den Kontext der bei japanischen Events angetroffenen Szenen zu erfassen. Merchandise und Figuren erzählen dieselbe Geschichte in verschiedenen Sprachen.
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Letztlich ist die Itabag keine Frage des Besitzes, sondern der Verkündung. Während die Figur hinter Glas still für mich existiert, spricht das Merchandise in der Tasche laut zu anderen. Man kann nicht sagen, welches richtig ist. Beide Kulturen gehen jedoch von derselben Frage aus: „Wie gebe ich dem, was ich mag, eine Form?" Möge auch heute wieder eine gute Begegnung an Ihre Vitrine gelangen.